Ausgesetzt. Literatur zwischen Verletzbarkeit, Gewalt und prekären Lebensformen
- Etkinlik Kategorisi: Bilimsel Kongre / Sempozyum Organizasyonu
- Etkinlik Türü: Kongre
- Etkinlik Organizasyonu Yılı: 2026
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Özet:
Die Gegenwart ist geprägt von tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen, in denen Fragen von Schutz, Gefährdung, Zugehörigkeit und Gewalt mit neuer Dringlichkeit verhandelt werden. Demokratische Aufstandsbewegungen und Proteste gegen autoritäre Regime stehen ebenso im Spannungsfeld globaler Aufmerksamkeit wie die zunehmende Re-Nationalisierung politischer Diskurse, der Erstarkung autoritärer und konservativer Ideologien sowie neoimperialer Machtansprüche in westlichen Demokratien. Diese Entwicklungen gehen einher mit anhaltenden Migrationsbewegungen und neuen Grenzregimen, mit geopolitischen Konflikten, ökologischen Krisen und einer fortschreitenden sozialen Polarisierung. Dabei verschärfen sich ungleiche Zugänge zu Sicherheit, Ressourcen und politischer Teilhabe ebenso wie geschlechtsspezifische und soziale Ungleichheiten. Insgesamt verändern sie nachhaltig die Bedingungen des Zusammenlebens, der Mobilität, der Arbeit und der demokratischen Partizipation.
Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur reagiert sensibel auf diese Konstellationen. In den literarischen Werken werden prekäre Lebenslagen, Erfahrungen von Unsicherheit und Entrechtung, Grenz- und Kontrollregime, Formen struktureller und symbolischer Gewalt sowie fragile soziale und affektive Bindungen literarisch verhandelt. Darüber hinaus entstehen ästhetische Suchbewegungen, die neue Perspektiven auf Körper, Raum, Umwelt, Erinnerung und Verantwortung eröffnen und etablierte Deutungsmuster von Stabilität, Souveränität und Normalität infrage stellen. Literatur fungiert damit als Resonanzraum gesellschaftlicher Konflikte (Rosa 2016) ebenso wie als Experimentierfeld kultureller und epistemischer Transformationen (Bachmann-Medick 2016; Ette 2012).
Ausgehend von grundlegenden Arbeiten zu Vulnerabilität, Prekarität und Gewalt (u. a. Butler 2004, 2009; Fineman 2008; Galtung 1969; Lorey 2012) haben sich diese Begriffe in den Literatur- und Kulturwissenschaften als zentrale Analyseinstrumente etabliert. Aufbauend auf diesen Positionen und in jüngeren interdisziplinären Forschungszusammenhängen werden Vulnerabilität und Prekarität zunehmend als relationale, prozessuale und institutionell gerahmte Bedingungen gefasst, die Körperlichkeit, Interdependenz und ungleiche Schutzverteilungen in den Mittelpunkt rücken (Lloyd 2008; B. Gilodi et al. 2024). Prekarität wird als politisch, historisch und institutionell produzierter Zustand verstanden, der sich in neoliberalen Regierungsweisen, Migrationsregimen, Transformationen von Arbeit sowie ökologischen Krisen verdichtet und häufig kumulativ wirksam wird (Bayat 2025; Gymnich/Schmidt-Haberkamp 2022). Gewalt erscheint dabei nicht mehr ausschließlich als physische Verletzung, sondern zunehmend als strukturelles, symbolisches, affektives und zeitlich entgrenztes Phänomen, das sich in institutionellen Routinen, Diskursen, Grenzregimen, medialen Repräsentationen und ökologischen Zerstörungsprozessen manifestiert und Anerkennung, Sichtbarkeit und Teilhabe reguliert (Spivak 1988; Nixon 2011; Berlant 2011; Butler 2020; Fassin 2018).
Aktuelle Debatten machen deutlich, dass Vulnerabilität eine ambivalente Kategorie ist: Sie kann sowohl als Instrument der Kontrolle, Stigmatisierung und Entpolitisierung fungieren als auch als Ressource für ethische Verantwortung, kollektive Handlungsfähigkeit und Widerstand (Butler 2015; Scheibmayr 2024). Im Fokus stehen zunehmend Fragen von Körperlichkeit, Erinnerung, Raum und Materialität, insbesondere im Zusammenhang mit Migration und Postmigration, Digitalisierung, sozialer Ungleichheit sowie ökologischer Transformation (Berg 2025; Di Martino 2023).
Der Titel des Kongresses – Ausgesetzt – greift diese Konstellationen auf und bündelt sie begrifflich. Literatur erweist sich in diesem Zusammenhang als ein privilegierter Erkenntnisraum: Literarische Texte bilden Prekarisierungs- und Gewaltverhältnisse nicht nur ab, sondern entwickeln eigenständige ästhetische und epistemische Perspektiven auf Verletzbarkeit, Zeitlichkeit, Affekt, Erinnerung und soziale Relationen. Gerade die deutschsprachige Gegenwartsliteratur bietet ein breites Spektrum an Narrativen, Figuren und Räumen, in denen prekäre Lebensformen, strukturelle Gewalt und Formen der Vulnerabilität literarisch reflektiert und problematisiert werden.
Der Kongress ist im Rahmen des Forschungsprojekts EsPreLit – Escenarios de precariedad, violencia y vulnerabilidad en la literatura actual en lengua alemana (CM/DEMG/2024 017) verortet (Forschungsprojekt zu Szenarien von Prekarität, Gewalt und Vulnerabilität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur). Das Projekt ist von der Comunidad de Madrid durch ein Abkommen zur Förderung von Forschung und Technologietransfer an der Universität Alcalá finanziert. Es untersucht Szenarien von Prekarität, Gewalt und Vulnerabilität in literarischen Texten seit 1989 und versteht die deutschsprachige Gegenwartsliteratur als einen privilegierten Beobachtungs- und Reflexionsraum gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Im Mittelpunkt steht die Analyse der ästhetischen, narrativen und diskursiven Verfahren, mit denen Literatur Erfahrungen von Unsicherheit, Machtasymmetrien, Migration, geschlechtsspezifischer Verwundbarkeit, ökologischer Gefährdung sowie institutioneller und struktureller Gewalt modelliert und kritisch befragt.
Dabei werden interdisziplinäre Perspektiven aus u. a. Gender Studies, Migrationsforschung, Ecocriticism, Posthumanismus, Disability und Aging Studies einbezogen, um literarische Figurationen von Abhängigkeit, Verletzbarkeit und sozialer Ungleichheit differenziert zu erfassen. Ziel des Projekts ist es, textanalytische Instrumentarien weiterzuentwickeln, die epistemische und ethische Dimension literarischer Szenarien sichtbar zu machen und Beiträge zu einer reflektierten Auseinandersetzung mit Fragen von Gerechtigkeit, gesellschaftlichem Zusammenhalt und demokratischer Verantwortung zu leisten.