Flucht in den leeren Raum: interkulturelle Erfahrungsräume als leere Orte in 1979 von Christian Kracht


Sunar H. Ş.

GiG-Tagung: Vielfältige Konzepte – Konzepte der Vielfalt: Interkulturalitäten weltweit, Praha, Czech Republic, 4 - 09 October 2016

  • Publication Type: Conference Paper / Summary Text
  • City: Praha
  • Country: Czech Republic

Abstract

Andreas Huyssen schreibt, dass die Geographien der klassischen Moderne vor allem von Metropolen bestimmt sind (2005: 6), bei denen kulturelle Experimente und / oder Umbrüche in der Transformationsfunktion auftreten: Kafkas Prag, Freud und Wittgensteins Wien oder Baudelaires Paris sind immer solche Referenzorte – Beispiele können weiter fortgesetzt werden –, die die Urbanität einer Stadt ausmachen und später in der Literatur oft als Räume des Interkulturellen beschrieben werden. Interkulturelle Räume, geprägt vom Zusammenbruch politischer Systeme, werden in diesem Zusammenhang häufig als Effekt der Globalisierung wahrgenommen.

Doch weigert sich dagegen beispielsweise Teheran von 1979. Christian Kracht, der vielmehr von einer negativen Dialektik ausgeht, wenn es sich um interkulturelle Begegnungen handelt, zeigt uns in 1979 eine Stadt, in der Begegnungen und Kontakte solcher Art keineswegs stattfinden. Schon der Titel weist zeitlich auf einen geschichtsrelevanten Bruchpunkt hin, der vor der Revolution Ajatollah Chomeinis sichtbar wird. Das Jahr 1979 bedeutet in diesem Kontext das Ende einer modernisierten, vom Westen geprägten Herrschaft und der Anfang einer anderen ideologischen Richtung. Aber das zeigt uns die Geschichte, nicht der Roman: Im Roman wird in dem Sinne nur eine Stadt entworfen, die an dieser Schwelle steht und im Hintergrund eher als eine Dekorierung auftritt. Der namenlose Ich-Erzähler und sein Freund Christopher reisen in den Iran des Schah-Regimes. Als sein Freund mitten in den Unruhen, die um sie herum ausbrachen, an einem Drogenexzess stirbt, löst der Ich-Erzähler die letzten Bindungen zu seinen europäischen Wurzeln und reist – mit der Hoffnung, sich selbst zu finden – weiter nach Osten: Und je mehr der Protagonist nach Osten geht, umso mehr findet er den Tod: den des Globalen, der Menschheit, des Subjekts.